30 Jahre Mauersturz lenken den Blick zurück in das "Jahr der Deutschen" 1989/90, in dem das noch nicht ganz wiedervereinigte Deutschland auch noch Fußballweltmeister wurde.
Bei allen Diskussionen über Doping und Staatssicherheit gilt der Sport als ein Bereich, in dem das deutsch-deutsche "Zusammenwachsen" besonders früh und besonders gut gelang. Einer der damals agilsten Akteure war Reinhold "Reiner" Calmund, Manager von Bayer O4 Leverkusen und heute populärer TV-Prominenter. Trotz seines vollen Terminplans sagte er überraschend schnell ein Interview zu und nahm sich sehr viel Zeit, Fragen der Politik-AG zu damals und heute zu beantworten. Das Interview fand am 28.10.2019 in Calmunds Wohnort Saarlouis statt. Die Fragen stellte Dr. Michael Walter, Lehrer für Geschichte, Deutsch und Gemeinschaftskunde am Gymnasium und Mitautor eines wissenschaftlichen Standardwerkes zur Geschichte der deutschen Einheit.
An die dramatischen Tage im November 1989 erinnert sich Calmund sehr gut:
RC: Ich hatte immer einen 'Koffer in Berlin'. Als Verantwortlicher für Jugend-Auswahlmannschaften gehörte es zu meinem Verständnis bei Berlin-Fahrten mit Jugendlichen sowohl die innerdeutsche Grenze als auch Gedenkstätten für den Widerstand gegen die NS-Diktatur zu besuchen. Auch die andere Seite der Mauer kannte ich ganz gut. Am Abend des 9. November rief mich ein Freund an, ich solle den Fernseher anschalten. Wie Millionen anderer verfolgte ich dann die Nachrichten von der völlig unerwarteten Grenzöffnung, die Sorge vor sowjetischen Reaktionen wie am 17. Juni 1953 kamen bei mir nicht auf. Alle waren glücklich und zufrieden, ich guckte alle TV-Programme, bis ich viereckige Augen hatte und tief einschlief. Das war am Donnerstag. Schon am Freitag war ich auf dem Weg nach Berlin. Ich habe noch nie so viele glückliche Menschen gesehen wie damals und wollte hören, was die Ostdeutschen nun empfanden. Als eine Art 'persönliches Begrüßungsgeld' buchte ich die letzten drei Zimmer im Hotel Intercontinental und lud ein paar junge Leute ein, mit denen ich dann die ganze Nacht durchgequatscht habe.
MW: Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sehr früh Spielertransfers organisierten. Begann das schon am 9. November?
RC: Nein, an dem Wochenende spielte Fußball zunächst keine Rolle, die Straßen waren voller Menschen, die Emotionen und Freude war unglaublich. Erst auf dem Rückflug am Sonntag begann ich über mögliche Spielereinkäufe nachzudenken. Ganz oben auf meiner Wunschliste standen Andreas Thom, DDR-Fußballer des Jahres 1988/89 und einer der nettesten Typen, die ich je kennengelernt habe. Dazu Ulf Kirsten, Fußballer des Jahres 1989/90 und Matthias Sammer, den ich damals schon auf Augenhöhe mit den besten Spielern des Turniers sah. Beim U 20 WM-Turnier 1987 in Chile wurde die DDR Dritter, Sammer trumpfte neben den späteren Weltklasse-Stars Davor Suker, Predrag Mijatovic, Zvonimir Boban und Robert Prosinecki groß auf.
MW: Die Gelegenheit zur Kontaktaufnahme bot sich schon bald, angeblich über Vertrauensleute, die Sie in die Nähe der Spieler brachten?
RC: Das ist richtig, wir setzten 'menschliche U-Boote' ein. Vor allem mit Wolfgang Karnath, offiziell Chemielaborant der Bayer AG, de facto Betreuer der A-Jugend und 'Mädchen für alles' in der Fußball-Abteilung gelang das Meisterstück, mit einer Presseakkreditierung des österreichischen Fußballverbandes beim WM-Qualifikationsspiel gegen die DDR am 15. November 1989 in Wien. Karnath erledigte im Umfeld der DDR-Nationalmannschaft, sogar im Innenraum des Stadions und an der Reservebank der DDR, erstklassige Arbeit. Es gelang ihm mit unseren Wunschspielern Kontakt aufzunehmen und die Adressen zu erfahren. Mir war es aber im Interesse der Spieler zugleich wichtig, die offiziellen Wege über den Sportverband der DDR zu gehen, was zu diesem Zeitpunkt noch wichtiger war als der Kontakt zu den Vereinen. Andreas Thom besuchte ich dann schon einen Tag nach dem Match in Wien zu Hause in Berlin, weitere Gespräche folgten, offizielle und informelle. Mit dem Wechsel von Andreas Thom nach Leverkusen konnten wir dann schon vier Wochen nach dem Mauerfall den ersten offiziellen deutsch-deutschen Spielertransfer verkünden.
MW: Gab es Interventionen aus der Politik? Immerhin waren die wichtigsten Spieler der DDR-Fußballnationalmannschaft auf dem Sprung nach Leverkusen?
RC: Tatsächlich kamen die Wechsel von Matthias Sammer und zunächst auch Ulf Kirsten nach Leverkusen trotz aller Vereinbarungen nicht zustande. Bundeskanzler Kohl hatte persönlich bei der Spitze der Bayer AG interveniert. Er wollte verhindern, dass die Bayer AG als Weltkonzern die DDR 'leer kaufte'. Sammer ging dann zum VfB Stuttgart, Kirsten war fest bei Dortmund eingeplant. Im letzten Moment erhielt ich dann grünes Licht von meinem Präsidenten und konnte Kirsten zum großen Ärger des BVB doch noch zu uns holen.
30 Jahre später ist vom einstigen Glanz des DDR-Fußballs nicht mehr viel übrig. Reiner Calmund ist auch auf diese Frage vorbereitet und zeigt Zahlen und Schaubilder.
RC: Ich sehe das etwas anders. Richtig ist aus heutiger Sicht, dass die Situation damals nicht zu halten war. Die Vereine verloren die staatlichen finanziellen Zuschüsse und andere Förderungen; die hervorragende Jugendarbeit mit hauptamtlichen Trainern zerfiel. Fehlende Kenntnisse in den Bereichen Betriebswirtschaft, Marketing, Vertragswesen, Spieler-Transfers, TV- und Sponsoren, aber auch die mangelnde Stadion-Infrastruktur und die fehlenden finanziellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen waren nicht zu kompensieren.
Andererseits hat sich der Ost-Fußball wieder gut entwickelt. Von der ersten bis zur dritten Liga spielen heute immerhin elf Ostklubs einschließlich Berlin. Einen Absturz erlitten auch zahlreiche ehemalige Bundesliga-Vereine im Westen.
Während unseres Gesprächs leuchtet eine SMS auf Calmunds Smartphone auf. Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow bedankt sich für "Callis" Glückwünsche zum Erfolg bei der Landtagswahl tags zuvor: "Jetzt muss Bodo baggern" schreibt der Linken-Politiker und hängt eine entsprechende Schlagzeile der Bildzeitung an. Die beiden Männer hatten sich bei einer Veranstaltung in Frankfurt und Thüringen kennengelernt. Calmunds Mutter stammte aus Thüringen und bis zum Mauerbau genoss er die Besuche auf dem Hof der Verwandtschaft. Eine emotionale Bindung blieb und drückt sich heute noch in sozialen Aktivitäten aus.
MW: Wie sehen Sie die deutsche Politik heute am Tag nach der Landtagswahl in Thüringen, vor allem angesichts der Erfolge der Linken und der AfD, Herr Calmund?
RC: Ich habe im Laufe meines Lebens Politiker von unterschiedlichen Parteien gewählt, egal ob Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Helmut Kohl oder Angela Merkel. Für mich waren ihre Ziele, Konzepte und Leistungen entscheidend, die Linke hätte ich normalerweise nicht wählen können. Zugleich habe ich Respekt vor jemandem wie Bodo Ramelow, der in einem Gespräch zunächst sachkundig über die Wirtschaft in seinem Bundesland berichten kann und danach erst mit großen Herzen über die wichtigen sozialen Leistungen spricht. Ich habe ihm zur Wahl gratuliert und glaube, dass er ein guter Ministerpräsident für das Heimatland meiner Mutter ist. Auch wir im Westen müssen selbstkritisch sein und manchmal von unserer Sturheit wegkommen. Was mich an der AfD stört, ist in erster Linie nicht ihre rechte Ausrichtung, sondern dass sie sich von Leuten unterstützen lassen, die die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlosen. So wie ich mit Jugendlichen Berliner Gedenkstätten besuchte, war ich auch in Auschwitz und Yad Vashem. Auch die Aktionen der Nazis in Leningrad, heute Petersburg, waren kein ‚Fliegenschiss‘ der Geschichte, es waren grässliche und unmenschliche Taten. Damit wir uns klar verstehen, ich fühle mich nicht verantwortlich für die Gräueltaten der Nationalsozialisten, aber ich bin wie alle Deutschen dafür verantwortlich, dass so etwas in Deutschland nie wieder passiert.